| Veranstaltung: | KjG Bundeskonferenz 2026 |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 1. Anträge |
| Antragsteller*in: | Bundesleitung (für die AG Psychische Gesundheit) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 04.05.2026, 19:52 |
A4: Psychische Gesundheit stärken
Antragstext
Psychische Erkrankungen zählen weltweit zu den häufigsten gesundheitlichen
Problemen im Kindes- und Jugendalter. In Deutschland zeigt rund jedes fünfte
Kind bzw. jede*r fünfte Jugendliche psychische Auffälligkeiten, etwa jedes
zwanzigste Kind leidet an einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung.
Knapp die Hälfte aller psychischen Störungen beginnt bereits vor dem 18.
Lebensjahr, besonders in der frühen Jugend.
Psychische Probleme in jungen Jahren gehen häufig mit erheblichen
Beeinträchtigungen im Alltag einher und können langfristige Folgen haben. Sie
stehen in Zusammenhang mit geringerer Lebenszufriedenheit, eingeschränkten
Bildungs- und Berufschancen sowie gesundheitlichen Risiken im späteren Leben.
Soziale Faktoren wie Armut, familiäre Konflikte oder belastete Eltern-Kind-
Beziehungen beeinflussen das Risiko für psychische Erkrankungen erheblich,
während stabile persönliche, familiäre und soziale Ressourcen eine wichtige
Schutzfunktion darstellen.
Das zeigt: Psychische Gesundheit ist nicht nur ein Teilaspekt des Wohlbefindens,
sondern hat Auswirkungen auf ganz verschiedene Lebensbereiche. Diese stehen im
Zusammenhang mit mehreren der durch die UN-Kinderrechtskonvention
festgeschriebenen Rechte von Kindern und Jugendlichen. Psychische Gesundheit ist
ein Kinderrecht, welches eine Voraussetzung für Teilhabe und Partizipation in
der Gesellschaft darstellt.
Die KjG hat auf der Bundeskonferenz 2025 „Psychische Gesundheit“ zum
Schwerpunktthema des Bundesverbands gewählt. Hieraus leitet sich für uns die
Verantwortung ab, diesem Thema besondere Aufmerksamkeit zu schenken, unsere
Rolle und unseren Wirkungsbereich als Kinder- und Jugendverband, insbesondere in
Bezug auf Resilienz zu reflektieren sowie Forderungen zu formulieren, die wir
nach außen vertreten möchten.
Um Kinder und Jugendliche wirksam vor psychischen Erkrankungen zu schützen,
bedarf es guter Präventionsarbeit. Nachhaltige Präventionsangebote ändern das
Wohlbefinden junger Menschen schnell und wirksam. Dazu gehören Aufklärung,
Entstigmatisierung und die Förderung von Resilienz und Achtsamkeit.
Präventionsangebote, die im Rahmen von Schule stattfinden sind ein wichtiger
Ansatz, reichen aber nicht aus. Hier müssen außerschulische Angebote wie die
Jugendverbandsarbeit mitgedacht werden:
Der peer-to-peer Ansatz ermöglicht Gespräche auf Augenhöhe, die es Kindern
und Jugendlichen häufig erst möglich machen, ihre mentale Gesundheit zu
thematisieren.
Das Fehlen von Leistungsdruck schafft wertfreie Räume, in denen auch
Fehler und Unsicherheiten einen Platz haben und angesprochen werden
dürfen.
In vielen Bereichen arbeiten wir schon präventiv im Bereich der psychischen
Gesundheit, ohne es aktiv zu wissen. Dieses Bewusstsein wollen wir auf Orts-,
Diözesan- und Bundesebene stärken!
Damit das Gelingen kann, müssen verschiedene Aspekte wirksamer Präventionsarbeit
berücksichtigt werden:
Psychische Erkrankungen sieht man niemandem an. Während ein Husten, ein
gebrochenes Bein oder ein blauer Fleck direkt sichtbar ist, lassen sich
Depressionen, Angsterkrankung oder andere psychische Erkrankungen nicht
vom Gesicht ablesen. Über gezielte Aufklärung über psychische Erkrankungen
können Kinder, Jugendliche und ihre Gruppenleitungen dazu befähigt werden,
eigene Belastungen besser zu erkennen und zu benennen sowie sensibel und
unterstützend in ihrer Peer-Group damit umzugehen.
Sowohl aus Teilnehmer*innen- als auch Leitungsebene müssen Teilhabechancen
erkrankter Personen gewährleistet werden. Nur mit ausreichend
Unterstützung und einer offenen, wertschätzenden Gegrüne sprächskultur
können Menschen mit psychischen Erkrankungen sowohl als Teilnehmer*innen
als auch in Leitungsrollen gut mitmachen und ihre Bedürfnisse und Grenzen
ehrlich ansprechen. Diese Gesprächskultur in unsere Strukturen zu
implementieren und zu pflegen, ist der wichtigste Schritt, um Sichtbarkeit
und Akzeptanz für Betroffene herzustellen.
Um aufmerksam gegenüber den Bedarfen von Kindern und Jugendlichen zu sein
gilt für alle Veranstaltungen das Verständnis, dass junge Menschen mit
ganz individuellen Erfahrungen zu uns kommen. Daher ist immer wieder zu
prüfen welche besonderen Maßnahmen für die Teilnahme von Personen mit
psychischen Belastungen, Neurodivergenzen oä. notwendig sind.
Aber: Junge Ehrenamtliche sind keine Therapeut*innen. Wir können und wollen
keine Diagnosen stellen. Trotz aller Bemühungen kann ehrenamtliche Arbeit die
schlechte therapeutische Versorgungslage nicht ausgleichen. Deshalb sollen und
müssen auch ehrenamtliche Leitungen die Grenzen der eigenen Arbeit erkennen und
kommunizieren. Wichtig ist jedoch, Tabus abzubauen, offen über seelische
Belastungen zu sprechen und in akuten Krisen handlungsfähig zu bleiben. So kann
Jugendverbandsarbeit Teil eines unterstützenden Netzwerks für Kinder,
Jugendliche und junge Erwachsene sein.
Resilienz ist die psychische Widerstandsfähigkeit von Menschen. Sie ist wichtig
für eine positive Entwicklung, egal ob Menschen in guten oder widrigen
Lebensumständen aufwachsen.
Die Jugendverbandsarbeit leistet allein durch ihre grundsätzlichen Prinzipien
einen erheblichen Beitrag zur Resilienzförderung:
Kinder und Jugendliche lernen ihre Bedürfnisse zu kommunizieren und
begeben sich in verschiedensten Situationen in Aushandlungsprozesse
zwischen sich selbst und den Gruppen, in denen sie sich bewegen.
Junge Menschen übernehmen schon früh Verantwortung im Verband und machen
Selbstwirksamkeitserfahrung. In diesem Lernraum ist sowohl für gemeinsame
Erfolge als auch für Fehler und Misserfolge Platz.
Durch das Prinzip der Freiwilligkeit werden selbstbestimmt Entscheidungen
über das eigene Handeln, Interessen und Kapazitäten getroffen. Dabei wird
ebenso das Einschätzen der eigenen Ressourcen und das Setzen von Grenzen
erlernt.
Ein regelmäßiger Austausch mit anderen und das Teilen von gemeinsamen
Erfahrungen ist für das psychische Wohlbefinden enorm wichtig. Das gilt
sowohl für soziale Kontakte, die im Verband gepflegt werden, als auch das
Angebot von geschulten Ansprechpersonen wie den Gruppenleiter*innen, die
als Bezugspersonen außerhalb von Familie und Schule zur Verfügung stehen.
Wir wollen dafür Sorge tragen, dass das Thema “Psychische Gesundheit” in unseren
Strukturen nachhaltig verankert wird und in allen Bereichen mitgedacht wird.
Dies soll durch folgende Projekte umgesetzt werden:
Entwicklung eines Workshopangebots für Gruppenleiter*innen zum Thema
“Psychische Erste Hilfe”, damit die Leiter*innen Handlungssicherheit im
Umgang mit psychisch erkrankten Teilnehmer*innen gewinnen
Aufmerksamkeit schaffen durch Beiträge und Kampagnen in den sozialen
Medien
Schaffen von Austauschräumen bei Veranstaltungen der Bundesebene,
insbesondere zum Thema “Belastung im Ehrenamt”, um Erfahrungen teilen und
sich gegenseitig unterstützen zu können
Bereitstellen von Informationsmaterialien im Themenbereich psychische
Gesundheit für Diözesen und Ortsgruppen, die praxisnah sind und konkrete
Hilfestellung bieten
Weiterentwicklung von Awarenesskonzepten und das zur Verfügung stellen der
Konzepte und den damit verbundenen Schulungen für Diözesan- und
Ortsverbände
Das Thema “Psychische Gesundheit” soll im BDKJ platziert werden. Darüber
hinaus soll eine Vernetzung mit weiteren Akteur*innen angestrebt werden
und zu diesem Zweck geprüft, ob ein bundesweites Netzwerk zum Thema
psychische Gesundheit im DBJR initiiert werden kann. Dieses Netzwerk soll
dem Austausch dienen, gemeinsame Positionen entwickeln und das Thema
langfristig politisch stark machen.
Wir fordern das BMBFSFJ auf, die angekündigte Strategie „Mentale
Gesundheit junger Menschen“ endlich vorzustellen und mit Fachverbänden
dazu ins Gespräch zu gehen.
Wir machen deutlich, dass Jugendverbandsarbeit einen erheblichen Beitrag
zur ganzheitlichen Entwicklung junger Menschen leistet. Damit stellt sie
einen Resilienzfaktor und damit eine Stärkung psychischer Gesundheit dar.
Die präventive und unterstützende Wirkung kann nur entfaltet werden, wenn
jugendverbandliche Strukturen finanziell abgesichert werden und die
Rahmenbedingungen für ehrenamtliches Engagement verbessert, sowie
ausreichend Freiräume für junge Menschen neben Schule und Ausbildung
gewährleistet.
Begründung
Die KjG hat auf der Bundeskonferenz 2025 „Psychische Gesundheit“ zum Schwerpunktthema des Bundesverbands gewählt. Dieses soll planmäßig bis zur Bundeskonferenz 2028 bearbeitet werden. Als Grundlage für die Bearbeitung in den kommenden Jahren wurde das vorliegende Positionspapier entwickelt. Es soll sowohl eine Orientierung für die Arbeit im Verband bieten, als auch die politische Kommunikation nach Außen unterstützen.
